Die Caféterrasse war für einen sonnigen Wintervormittag in Lissabon fast zu ruhig. Vor zehn Jahren war genau diese Straße voll mit silberhaarigen Ausländer:innen, die bei Pastéis de Nata ihre Pensionsmodelle verglichen und lachend davon redeten, dass sie „nie mehr zurück“ in den grauen Norden würden. Jetzt zuckte der Kellner nur mit den Schultern und sagte: „Die Franzosen, die Schweden, die Briten … viele haben verkauft. Sie reden jetzt von Italien.“
Ich sah einem älteren Paar zu, wie es Maklerbroschüren mit roten „VENDIDO“-Stempeln einpackte und am Handy Inserate in einem anderen Land öffnete. Das Land, das sich einmal wie die Endstation angefühlt hat, schaut plötzlich eher wie ein Sprungbrett aus.
Irgendwas hat sich leise verschoben auf Europas Pensionist:innen-Landkarte.
Vom goldenen Versprechen zum verblassenden Traum
Vor zehn Jahren war Portugal der coole Star unter den Pensionszielen: sonnig, billig, steuerfreundlich. Pensionist:innen landeten am Flughafen Lissabon mit Golfbag und Excel-Tabellen und waren begeistert von der Idee, „wie die Einheimischen“ zu leben – und das um einen Bruchteil der Kosten daheim. Das berühmte NHR-Regime (Non-Habitual Resident) war das goldene Ticket.
Heute klingt’s bei Expat-Treffen anders. Da geht’s um steigende Mieten, überfüllte Küstenorte und eine Regierung, die das Kapitel „Gratis-Mittagessen“ ganz klar zugemacht hat. Die Liebesgeschichte ist nicht vorbei, aber die Flitterwochen sind definitiv vorbei.
Man hört’s in Orten wie Tavira oder Cascais. Britische Pensionist:innen, die 2016 gekommen sind, sitzen jetzt auf ihren Balkonen und tauschen Geschichten über höhere Grundsteuern und Krankenversicherungsangebote aus. Ein deutsches Paar, das ich getroffen hab, hat das Licht und das Meer geliebt – aber zugegeben, dass sich ihre monatlichen Kosten seit 2018 verdoppelt haben.
Makler bestätigen das leise. Der Zuzug von Digitalnomad:innen und Investor:innen hat die Langzeitmieten auf ein Niveau gedrückt, das bei fixen Pensionen richtig weh tut. Dieses alte Narrativ „leben wie ein König mit 1.000 € im Monat“ klingt wie aus einer anderen Zeit.
Am stärksten hat sich die Steuergeschichte gedreht. Jahrelang konnten ausländische Pensionseinkünfte unter NHR mit 0 % besteuert werden – das hat Wellen von Pensionist:innen aus Frankreich, Schweden, dem Vereinigten Königreich und darüber hinaus angelockt. Dann kamen Druck von EU-Partnern, politischer Gegenwind daheim und eine wachsende Wohnkrise.
Lissabon hat die Regeln verschärft, die Sätze für viele Neuzuziehende erhöht und das Ende von NHR in der bisherigen Form angekündigt. Die Botschaft war subtil, aber klar: Portugal ist weiterhin offen – nur nicht mehr zu diesen alten, extrem großzügigen Bedingungen. Sobald diese Aura vom „besten Deal Europas“ verblasst, wandern die Blicke ganz automatisch weiter zur nächsten Stelle auf der Karte.
Italien rückt ins Rampenlicht
Der neue Liebling, über den in Facebook-Gruppen und Pensionsforen getuschelt wird, ist Italien. Nicht die überlaufenen Ikonen wie Venedig oder Florenz, sondern kleine Orte im Süden und verschlafene Dörfer im Landesinneren, die schneller Leute verloren haben, als sie zählen konnten. Italiens Regierung hat den Aderlass bemerkt und etwas überraschend Mutiges gestartet: einen pauschalen, reduzierten Steuersatz für ausländische Pensionist:innen, die sich in bestimmten Regionen niederlassen.
Die Formel ist simpel: Pension mitbringen, im Süden leben, und mehrere Jahre lang eine sehr leichte Steuerlast haben. Für Pensionist:innen, die sich Portugals Küste nicht mehr leisten können, klingt das fast zu schön, um wahr zu sein.
Verbringt man einen Vormittag in Kalabrien, sieht man den Wandel in Echtzeit. Ein irisches Paar Ende sechzig hat mir erzählt, sie hätten drei Winter an der Algarve verbracht, bevor sie sich in einen Fischerort nahe Reggio Calabria „verliebt“ haben. Der Grund war entwaffnend praktisch: „Wir haben’s durchgerechnet. Hier können wir zweimal pro Woche auswärts essen, im Winter die Heizung aufdrehen und trotzdem noch was sparen.“
Bürgermeister, die vor zehn Jahren noch junge Italiener:innen angefleht haben, nicht wegzugehen, begrüßen jetzt kleine Gruppen ausländischer Pensionist:innen. Manche haben One-Stop-Büros eingerichtet, die Neuzuziehenden bei Aufenthaltsfragen, Anmeldung zur Gesundheitsversorgung und diesen wahnsinnigen Formularen helfen, die Nicht-Italiener:innen sonst abschrecken.
Warum gewinnt Italien dieses neue Pensionsspiel? Ein Teil ist Psychologie. Portugal ist vom Außenseiter zum Superstar geworden – und schaut jetzt ein bissl voll und teuer aus. Italien, vor allem der Süden, fühlt sich dagegen noch wie ein verstecktes Kapitel an: dramatische Küsten, mittelalterliche Hügelstädte, Märkte, wo 20 € für einen Korb Gemüse, Käse und Wein reichen.
Dazu kommt der kulturelle Sog. Für viele Europäer:innen ist Italien tief in Kindheitserinnerungen eingebrannt: Familienurlaube, Filme, Essen, Musik. Wenn eine Regierung sagt: „Komm, leb den Traum – und wir halten deine Steuerlast eine Zeit lang einfach und niedrig“, trifft das einen ganz tiefen Nerv. Zusammen mit Wohnraum, der außerhalb der großen Städte noch vergleichsweise leistbar ist, fühlt sich Italien plötzlich wie die zweite Chance an, von der viele gehofft haben, dass Portugal sie für immer bleibt.
Wie Pensionist:innen ihren Plan leise ändern
Das Muster ist selten dramatisch. Die meisten Pensionist:innen stürmen nicht mit Koffern und Wutreden aus Portugal. Was passiert, ist eher ein sanfter Schwenk. Menschen, deren NHR-Zeitraum ausläuft, machen mit dem Partner oder der Partnerin private Excel-Reviews. Sie vergleichen die echten monatlichen Ausgaben mit dem, was sie sich vor fünf Jahren ausgemalt haben.
Und dann machen sie was sehr Menschliches: Sie öffnen Google Maps, ziehen den Bildschirm nach Osten und suchen nach „sonniger billiger italienischer Ort in der Nähe von Krankenhaus“.
Viele tappen in dieselben Fallen. Sie besuchen Portugal oder Italien eine selige Woche im Frühling, wenn jede Terrasse glitzert und niemand über Winter-Schimmel oder den Off-Season-Busfahrplan flucht. Dann kaufen sie schnell eine Immobilie – und merken später, dass das nächste brauchbare Krankenhaus 70 Kilometer entfernt ist oder dass die charmante Kopfsteinpflastergasse ein Albtraum wird, wenn die Knie anfangen zu melden.
Wir kennen das alle: der Moment, wo die Fantasie eines Ortes auf den Alltag vom tatsächlichen Leben dort prallt. Genau da bremsen die G’scheiten ab und machen drei oder vier Monate Probewohnen, bevor sie irgendwas unterschreiben, das dauerhaft ist.
„Verlieb dich nicht in eine Postkarte“, hat mir ein 72-jähriger Belgier in Apulien gesagt. „Verlieb dich in einen Dienstag im Februar, wenn’s regnet und der Supermarkt halb leer ist. Wenn dir der Ort dann noch taugt, hast deinen Platz gefunden.“
- Verbring eine ganze Nebensaison dort – Winter oder früher Frühling zeigen echte Preise, echte Services, echte Nachbarschaftsdynamiken.
- Zuerst mieten, später kaufen – Gib dir mindestens ein Jahr, bevor du deine Pension an eine Postleitzahl bindest.
- Krankenhaus und Gemeindeamt anschauen – Nicht glamourös, aber dort wird dein zukünftiger Stress gelöst oder erst erzeugt.
- Mit Langzeit-Expats reden, nicht nur mit Maklern – Die erzählen dir, was sich geändert hat, nicht nur, was in der Broschüre steht.
- Drei Monate lang jede Ausgabe tracken – Hand aufs Herz: kaum wer macht das wirklich täglich, aber am Anfang kann’s dir massive Kopfschmerzen ersparen.
Eine neue Landkarte der „gut genug“-Paradiese
Hinter den Schlagzeilen „Portugal verliert seinen Glanz“ oder „Italien verführt ausländische Pensionist:innen“ steckt eine leisere Wahrheit: Pensionist:innen werden zu strategischen Migrant:innen. Sie haben gesehen, wie schnell sich Regeln ändern, wie rasch ein billiger Küstenort zu einem Mini-London werden kann, und sie glauben nicht mehr an den einen Ort für immer.
Für viele hat sich das Ziel verschoben: weg vom perfekten Paradies hin zu einem Leben, das gut genug, flexibel genug und menschlich genug ist.
Portugal ist für viele nach wie vor wunderbar. Italien ist kein Wunder für alle. Spanien, Griechenland, sogar kleinere Fleckerl wie Malta oder Zypern haben ihre eigenen Fanclubs – und enttäuschte Ex-Fans. Die eigentliche Geschichte ist nicht, dass ein Land gewinnt und ein anderes verliert. Sondern dass ältere Europäer:innen – mit ein bissl Erspartem, WLAN und Zeit – leise neu zeichnen, wie Altern ausschauen kann.
Sie lassen die Idee zurück, dass Pension automatisch heißt, das Leben zu verkleinern, und lehnen sich in eine Version hinein, in der man weiterhin wählen, vergleichen und auch wieder weiterziehen kann, wenn sich der Deal nicht mehr fair anfühlt.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für dich |
|---|---|---|
| Portugals Attraktivität verschiebt sich | Steuerbegünstigungen wie NHR werden zurückgefahren, während Wohn- und Lebenskosten steigen | Hilft dir zu verstehen, warum sich leistbares Langzeit-Leben jetzt enger anfühlt |
| Italiens neues Angebot | Südregionen bieten eine vereinfachte, reduzierte Besteuerung ausländischer Pensionen und günstigeren Wohnraum | Eröffnet eine konkrete Alternative, wenn du nach einer neuen europäischen Basis suchst |
| Testen, bevor du springst | Erst mieten, in der Nebensaison besuchen, Spitäler und Bürokratie vor Ort prüfen | Senkt das Risiko teurer, stressiger Umzüge, die im echten Alltag nicht passen |
FAQ:
- Frage 1 Warum sagen so viele Pensionist:innen, dass Portugal jetzt weniger attraktiv ist?
- Frage 2 Was genau zieht Pensionist:innen stattdessen nach Italien?
- Frage 3 Ist Portugal für die Pension überhaupt noch eine Überlegung wert?
- Frage 4 Wie kann ich Portugal und Italien anhand meiner eigenen Pension vergleichen?
- Frage 5 Was ist ein praktischer Schritt, um Reue zu vermeiden, wenn ich ein Pensionsland auswähle?
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