Zum Inhalt springen

Niedrigere Steuern für Eltern und höhere für Kinderlose – ist das fair oder klare Ungerechtigkeit?

Zwei Männer vergleichen Dokumente am Tisch mit Spielzeugwagen, Sparschwein, Laptop und Schnuller.

Der Streit hat zwischen den Joghurts und den Tiefkühlpizzen angefangen.
Anna, 33, bewusst kinderlos, hat über ihre Steuerrechnung geschimpft. Neben ihr hat ein Arbeitskollege, Vater von drei Kindern, stolz erklärt, wie viel er dank Familien-Steuervorteilen „gespart“ hat. Gleiche Einkommensklasse. Am Jahresende eine komplett andere Realität.

Zuerst hat sie’s weggelacht. Dann hat sie nachgerechnet.

In sozialen Netzwerken explodiert die gleiche Spannung alle paar Wochen: Eltern sagen, sie würden die Zukunft der Gesellschaft tragen; Menschen ohne Kinder sagen, sie werden wie wandelnde Bankomaten behandelt. Irgendwo zwischen diesen zwei Wahrheiten taucht immer wieder eine unangenehme Frage auf:

Wer zahlt eigentlich wessen Lebensentscheidungen?

Wenn deine Lebensentscheidungen auf der Steuerrechnung stehen

Geh in irgendein Großraumbüro, und du hörst es früher oder später: „Ich kann’s mir eh ned leisten, keine Kinder zu haben – die Steuervorteile sind ja irre.“
Unter dem Schmäh steckt eine seltsame Dissonanz: Die Politik schubst die Leute leise in eine Richtung, während sie gleichzeitig behauptet, neutral zu sein.

Für viele bewusst kinderlose Erwachsene fühlt sich dieser Schubs eher wie ein Stoß an.
Sie sehen Kolleg:innen mit dem gleichen Gehalt, die weniger zahlen, von Absetzbeträgen und Beihilfen profitieren, Scheck um Scheck „weil Kinder“. Sie sind nicht neidisch auf die Kinder. Sie sind genervt, dass ihr ganz anderer Beitrag zur Gesellschaft offenbar nicht auf der gleichen Ebene zählt.

Und dieser Ärger taucht in keiner Steuer-Grafik auf.

Nehmen wir einen einfachen Fall.
Zwei Lehrer:innen, beide 35, gleiches Bruttogehalt. Eine Person hat zwei Kinder. Die andere hat früh entschieden, keine zu wollen.

Am Jahresende bekommt die Person mit Kindern mehrere Vorteile oben drauf: geringere Steuerlast, kinderbezogene Absetzbeträge, manchmal Wohnbeihilfen, die mit der Familiengröße mitwachsen. Die kinderlose Lehrerin, die vielleicht kranke Eltern unterstützt oder einen fetten Studienkredit zurückzahlt, bekommt … ein höfliches automatisiertes Mail, das eine deutlich höhere Nachzahlung ankündigt.

Über ein Jahrzehnt kann die Differenz in die Tausende gehen.
Das ist dann kein kleiner Anreiz mehr, sondern eine strukturelle Schieflage. Und die, die sie am stärksten spüren, sind oft alleinstehend, urban, und zahlen sowieso schon mehr für Miete und Grundkosten. Zahlen hören auf, abstrakt zu sein. Sie werden zu Wochenenddiensten, gestrichenen Reisen, verschobenen Zahnarztterminen.

Aus Sicht des Staates ist die Logik simpel. Niedrige Geburtenraten, alternde Bevölkerung, Druck auf die Pensionssysteme. Kinder sind nicht nur herzig; sie sind zukünftige Arbeitnehmer:innen, Steuerzahler:innen, Pflegekräfte. Also belohnt das System jene, die sie großziehen, mit niedrigeren Steuern als eine Art kollektives „Danke“ und langfristige Investition.

Das Problem beginnt, wenn dieser Anreiz nicht mehr wie ein gemeinsamer Pakt wirkt, sondern wie ein moralisches Urteil.
Kinderlose Menschen hören zwischen den Zeilen: „Dein Leben ist eh leichter, du kannst mehr zahlen.“ Eltern hören: „Ohne uns gibt’s keine Zukunft, also steht uns Hilfe zu.“ Beide Geschichten sind nur teilweise wahr. Und beide sind ein bisserl wahr.

Steuergesetze messen halt keine schlaflosen Nächte, keine mentale Last und auch nicht die ruhige, stetige Arbeit von denen, die nie verlangt haben, dass der Staat ihre Entscheidungen mitfinanziert.

Wie man über „Fairness“ nachdenken kann, ohne sich gegenseitig zu zerfleischen

Ein Weg aus der Sackgasse ist, rauszuzoomen aus dem Familienfoto.
Statt zu fragen „Eltern vs. Kinderlose – wer soll mehr zahlen?“, ist die gesündere Frage: Welche Verwundbarkeiten sollen abgefedert werden, und welche Beiträge sollen anerkannt werden?

Ein Elternteil, der drei Kinder mit niedrigem Einkommen großzieht, ist klar in einer fragilen Lage.
Eine kinderlose Pflegerin im Nachtdienst, die nebenbei ein behindertes Geschwister unterstützt, ist genauso exponiert – nur anders. Eine fairere Steuerdebatte würde bei den realen Zwängen beginnen, nicht bei der Frage, ob jemand Kinder bekommen hat oder nicht.

Das heißt: Unterstützung stärker an Einkommen, Pflege-/Betreuungsverantwortung, Gesundheit, Wohnkosten-Druck koppeln – und nicht nur an die Anzahl der Geburtsurkunden in der Lade.

Genau da entgleisen so viele Diskussionen.
Eltern bestehen – oft zurecht – darauf, dass Familienpolitik ihnen geholfen hat, den Kopf über Wasser zu halten. Sie erinnern sich an den Absetzbetrag, der die Kinderbetreuung mitfinanziert hat, an die Beihilfe für die Zahnspange, an die kleine Entlastung beim Heizen in einem brutalen Winter.

Auf der anderen Seite fühlen sich kinderlose Erwachsene schnell in eine Schublade gesteckt: egoistisch, karrierefixiert, schwimmend im Geld.
Nicht alle sind gutverdienende Tech-Nomad:innen mit süßen Hunden und Sundowner am Dach. Viele sind prekär beschäftigt, Künstler:innen, Selbständige, Leute in kleineren Orten, wo Jobs rar sind. Sie wissen jetzt schon, dass sie womöglich einmal alleine alt werden, ohne erwachsene Kinder als Stütze. Heute mehr zu zahlen und gleichzeitig zu wissen, dass morgen informell wahrscheinlich weniger Unterstützung da ist, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Seien wir ehrlich: Niemand sitzt ruhig mit dem Taschenrechner da und denkt „Ist dieses Umverteilungssystem philosophisch stimmig?“, wenn der Steuerbescheid ins Haus flattert.

Unter den politischen Parolen jonglieren Steuermodelle drei Ziele gleichzeitig:
Erstens: Verhalten fördern, das der Staat gesellschaftlich nützlich findet – wie Kinder bekommen und großziehen. Zweitens: Menschen nicht bestrafen für Dinge, die sie nicht steuern können – wie Single-Sein, Unfruchtbarkeit, queer sein oder Angehörige betreuen, die offiziell nicht als „Unterhaltsberechtigte“ zählen. Drittens: Das System so verständlich halten, dass die Leute nicht einfach aufgeben und glauben, es ist eh alles geschoben.

Aktuell leistet das Kriterium „Kind vs. kein Kind“ zu viel.
Es dient als grober Stellvertreter für „Bedarf“ und „zukünftigen Beitrag“, obwohl das echte Leben chaotischer ist. Ein alleinerziehender Elternteil mit einem Kind und ohne Rücklagen sitzt nicht im gleichen Boot wie ein wohlhabendes Paar mit drei Kindern und Sommerhaus. Am Papier sind beide „Eltern“.

Die gleiche Verzerrung trifft Kinderlose: Eine gut verdienende Anwältin und eine Teilzeit-Kassiererin ohne Kinder gelten ähnlich als „frei“, mehr zu zahlen.

Ein Steuersystem bauen, das nicht zum Kulturkampf wird

Wenn man das Thema wie ein Designproblem behandelt statt wie eine moralische Schlacht, schauen die Leitlinien anders aus.
Erster Schritt: Unterstützung für Kinder trennen von der Idee, jene zu bestrafen, die keine haben. Hilfe für Eltern könnte stärker über Leistungen laufen – leistbare Kinderbetreuung, gute Schulen, Elternkarenz – und weniger über komplizierte Absetzmöglichkeiten, die erst dann wirken, wenn man überhaupt genug steuerpflichtiges Einkommen hat.

Nächster Schritt: Unbezahlte Care-Arbeit jenseits von Kindern anerkennen.
Menschen, die ältere Eltern, behinderte Geschwister oder chronisch kranke Partner:innen pflegen, sparen dem Staat still und leise ein Vermögen. Ein faires Steuersystem würde Care belohnen, nicht nur biologische oder rechtliche Elternschaft.

So etwas gibt’s in manchen Ländern über Pflege-/Betreuungs-Gutschriften, aber oft sind sie klein, bürokratisch und in der öffentlichen Debatte praktisch unsichtbar.

Die meisten von uns – mit oder ohne Kinder – machen in Gesprächen über Steuerfairness den gleichen Fehler:
Wir reden nur aus der Perspektive vom eigenen Kontostand am Monatsende. Eltern, die in Kinderbetreuungskosten untergehen, können sich kaum vorstellen, dass die kinderlose Kollegin auch kämpft. Der kinderlose Freund, der Überstunden schiebt, um die Miete zu zahlen, kann sich die mentale Last mit krankem Kleinkind, steigenden Lebensmittelpreisen und Schulausflügen schwer ausmalen.

Empathie ist keine Steuerkategorie – aber sie ändert alles.
Wenn man zugibt, dass beide Seiten unsichtbare Kosten haben, sieht man auch, wie binäre Slogans – „Besteuert die egoistischen Kinderlosen höher“ vs. „Hört auf, Züchter zu subventionieren“ – faule Abkürzungen sind.

Sie fühlen sich eine Sekunde gut an. Und dann sprengen sie jede Chance auf ein ernsthaftes Gespräch.

„Ein gerechtes Steuersystem ist eines, das Menschen mit sehr unterschiedlichen Leben trotzdem als legitim anerkennen können – selbst wenn sie persönlich ein bissl verlieren“, sagt ein Forscher für öffentliche Finanzen, mit dem ich gesprochen habe. „Die eigentliche Gefahr sind nicht leicht höhere oder niedrigere Sätze. Es ist, wenn sich eine Gruppe offiziell als Bürger:innen zweiter Klasse abgestempelt fühlt – wegen persönlicher Entscheidungen.“

  • Den „Familienvorteil“ neu denken: als Unterstützung für alle Formen von Care-Arbeit, nicht automatisch nur für Elternschaft.
  • Weg von versteckten Steuerabzügen, hin zu transparenten, universellen Leistungen, von denen jedes Kind profitiert – unabhängig von der Steuerrechnung der Eltern.
  • Zusätzliche Hilfe gezielt nach Einkommen, Gesundheit und Betreuungs-/Pflegeaufgaben vergeben, damit Unterstützung dort landet, wo sie Leben tatsächlich stabilisiert.
  • Kinderlose Erwachsene nicht als Problem darstellen, das „korrigiert“ werden muss; sie als Teil des sozialen Puzzles sehen, nicht als Ausnahme.
  • Eltern und Nicht-Eltern gleichermaßen in politische Gespräche einbinden, statt sie von Politiker:innen gegeneinander ausspielen zu lassen.

Jenseits von „fair“ oder „unfair“: Welche Art von Deal wollen wir miteinander?

Irgendwann hört der Streit über Steuern und Kinder auf, nur um Zahlen zu gehen.
Er wird zum Spiegel dafür, in was für einer Gesellschaft wir gemeinsam leben – und alt werden – wollen. Eltern wollen zurecht, dass ihre Leistung gesehen wird. Kinderlose Erwachsene wollen zurecht nicht als praktische Geldbörse behandelt werden, nur weil ihre Abende auf Instagram ruhiger ausschauen.

Wir kennen das alle: dieser Moment, wenn wer beiläufig sagt: „Du hast eh keine Kinder, du kannst dir das leisten“, und innen drin zieht sich was zusammen.
Es ist das gleiche Ziehen – egal ob du Elternteil bist und dich unsichtbar fühlst, oder nicht Elternteil und dich bewertet fühlst.

Ein gesünderer Gesellschaftsvertrag würde anerkennen, dass Kinder großziehen, fragile Angehörige betreuen, arbeiten, Steuern zahlen, freiwillig helfen, Freund:innen stützen – das alles Teil vom gleichen Ökosystem ist.
Dann verschiebt sich die zentrale Frage von „Sollen Eltern weniger zahlen und Kinderlose mehr?“ zu: „Wie teilen wir Risiken und Nutzen so, dass kein Lebensstil zu einem fiskalischen Stigma wird?“

Die Antwort passt in keinen Wahlkampfslogan. Das ist vielleicht ein gutes Zeichen.

Kernpunkt Detail Nutzen für Leser:innen
Steuervorteile für Eltern kippen das System Gleiches Einkommen, unterschiedliche Steuerlast durch kinderbezogene Absetzbeträge und Gutschriften Hilft zu verstehen, warum die Debatte emotional so aufgeladen ist
Care-Arbeit geht über Elternschaft hinaus Unbezahlte Pflege/Betreuung für Ältere, Partner:innen oder Geschwister bekommt selten ähnliche Unterstützung Schafft Raum, fairere Anerkennung für die eigene unsichtbare Arbeit einzufordern
Vom Konflikt zum Redesign Umdeutung von „Eltern vs. kinderlos“ zu „Wer hat welche Verwundbarkeiten?“ Gibt Sprache, um über Steuern zu reden, ohne es persönlich werden zu lassen

FAQ:

  • Frage 1 Warum geben Steuersysteme Eltern überhaupt Vorteile?
  • Frage 2 Subventioniere ich als kinderlose Person Familien wirklich?
  • Frage 3 Ist es diskriminierend, mehr Steuern zu zahlen, weil ich keine Kinder will?
  • Frage 4 Wie würde ein faireres System für Eltern und Nicht-Eltern ausschauen?
  • Frage 5 Wie kann ich darüber reden, ohne mit Freund:innen oder Kolleg:innen Krieg anzufangen?

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen