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Europa gespalten: Regierungen setzen oft Migranten Vorrang vor einheimischen Familien, die Unterstützung brauchen.

Frau diskutiert an einem Schalter mit einer Beraterin, im Hintergrund Eltern mit Kind beim Gespräch, Kinderwagen links.

Der Gang im Rathaus riecht nach verbranntem Kaffee und nassen Mänteln. Draußen zieht sich eine Schlange von Eltern in abgetragenen Turnschuhen und runtergschobenen Hauben bis zur Tür, alle warten auf ihren Termin beim Sozialamt. Drinnen, hinter einer Glaswand, glänzt ein neuer Empfangsbereich: frische Farbe, Übersetzungsplakate in sechs Sprachen, ein Schild mit „Prioritätsunterstützung für neu angekommene Familien“.
Zwei Warteschlangen. Eine geht schnell. Eine bewegt sich fast gar ned.

Eine Mutter mit Kinderwagen verlagert ihr Gewicht von einem Bein aufs andere und schaut zu, wie eine Freiwillige ein junges afghanisches Paar behutsam in ein separates Büro begleitet, „reserviert für Asylanträge“. Sie schaut auf die Uhr, dann auf die Handy-Benachrichtigung zur überfälligen Gasrechnung.

Sie flüstert zu ihrer Freundin: „Und was is mit uns?“

Diese Frage hallt grad quer durch Europa.

Wenn Solidarität wie a Einbahn wirkt

Gehst heut durch fast jede europäische Stadt, spürst a seltsame Mischung aus Stolz und Groll in der Luft. Stolz auf Plakate mit „Refugees welcome“, auf die Tafeln, die Freiwilligennetzwerke, die warmen Betten in freien Zimmern. Groll in den leisen Gesprächen im Bus, in den Kommentaren auf lokalen Nachrichtenseiten, in den verschränkten Armen bei Gemeindesitzungen.

Viele Einheimische sagen’s ned laut. Sie haben Angst, es klingt hart – oder schlimmer. Und trotzdem kommt der Gedanke immer wieder, wenn sie nagelneue Migrant*innenzentren neben bröckelnden Schulen oder überfüllten Spitälern sehen: Entscheiden Regierungen still und leise für die Neuen – und gegen die, die eh schon da leben?

Nehmen wir Deutschland. In einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen hat der Gemeinderat vor zwei Jahren ein Jugendzentrum zugesperrt, weil angeblich das Geld ausgangen ist. Ein paar Straßen weiter ist ein ehemaliges Bürogebäude grad komplett saniert worden, um 180 Asylsuchende unterzubringen. Neue Betten, neue Duschen, gratis WLAN, Sozialarbeiter*innen vor Ort.

Eltern, die von der Regionalpresse befragt wurden, waren hin- und hergerissen. Manche brachten Kleidung und Spielzeug für die Familien. Andere fragten, warum ihr Kind nach Jahren auf der Warteliste noch immer keinen Platz in der Sprachtherapie kriegt, während Dolmetscherinnen und Psychologinnen für Neuankömmlinge sofort verfügbar sind. Ein Vater hat’s in einem Satz zusammengefasst: „I will ned weniger für die, i will mehr für uns a.“

Policy-Expertinnen sagen, die Erklärung ist zum Teil technisch. Geld für Migrantinnen kommt oft aus speziellen nationalen oder EU-Töpfen, die für Asyl und Integration zweckgebunden sind, während Unterstützung für einkommensarme Einheimische von langsameren, politisch heiklen Budgets abhängt. Diese Nuance schafft’s selten an den Küchentisch oder in den Social-Media-Feed.

Was die Leute aber sehen, ist Timing und Sichtbarkeit. Sie sehen schnelle Entscheidungen für Notunterkünfte, gezielte Zuschüsse für Wohnen, Transport, Rechtsberatung. Und sie vergleichen das mit Jahren, in denen ihnen gesagt wird, es gebe „kein Budget“ für Mietobergrenzen, Heizkostenzuschüsse oder höhere Behindertenleistungen. Wenn der Staat für eine Gruppe schnell reagiert und für die andere langsam, fühlt es sich wie eine Entscheidung an – selbst wenn die Tabellen was anderes sagen. Dieses Gefühl verändert grad Europas Politik.

Von leiser Frustration zum lauten Backlash

Hinter den neuesten Umfragen und Schlagzeilen steckt eine einfache tägliche Geste, die viel aussagt: Leute scrollen am Handy. Ein Video von einer Familie, die in Italien im Auto lebt. Ein Clip von der Eröffnung eines brandneuen Aufnahmezentrums in Frankreich. Ein TikTok über Migrant*innen, die in Großbritannien Hotelzimmer bekommen – sofort gegengeschnitten mit Bildern von Einheimischen in Notquartieren mit Schimmel an den Wänden.

Ein einzelner Clip ändert keine Wahl. Aber die Wiederholung schon. Bewohner*innen, die eh schon zwei Jobs jonglieren oder zwischen Heizen und Einkaufen entscheiden müssen, bauen sich im Kopf eine Geschichte zusammen. Die geht oft so: „Wir kämpfen, keiner merkt’s. Sie kommen, und alle springen.“ Vielleicht ist das ned vollständig fair. Emotional fühlt’s sich wahr an.

In einem kleinen spanischen Ort nahe Barcelona hat mir eine Schuldirektorin kürzlich von einem Elternabend erzählt, der schnell eskaliert ist. Die Schule hatte Extra-Geld bekommen, um neu angekommene Minderjährige zu unterstützen: Spanischkurse, Kulturmediatorinnen, Gratis-Mittagessen. Gleichzeitig sind die Kantinenbeiträge für langjährige lokale Schülerinnen still und leise erhöht worden.

Am Elternabend steht eine Mutter auf und fragt, warum ihr Sohn – dessen Vater grad den Job verloren hat – kein Gratis-Essen bekommen kann. Die Direktorin versucht, die unterschiedlichen Finanzierungsschienen und rechtlichen Pflichten zu erklären. Die Stimmung wird angespannt. Ein anderer Elternteil murmelt: „Also hätt ma nur a Grenze überqueren müssen?“ Am Ende des Abends brummt eine WhatsApp-Gruppe mit Screenshots, Halbwahrheiten und Aufrufen, gegen „die zu wählen, die die eigenen Leute vergessen“. Bei der nächsten Lokalwahl hat sich die Wahlbeteiligung in dem Grätzl verdoppelt.

Es geht ned nur ums Geld. Es geht um Anerkennung. Viele Europäer*innen, die sich abgehängt fühlen, hören dauernd Reden über Solidarität, Inklusion und Menschenwürde. Diese Worte klingen hohl, wenn man nach sieben Jahren noch immer auf eine Gemeindewohnung wartet oder wenn die Unterstützungsstunden fürs behinderte Kind gekürzt werden.

Analystinnen sprechen von einer „Konkurrenz um Mitgefühl“. Die Leute wachen ned auf und hassen Migrantinnen. Sie wachen auf und fragen sich, warum ihre Erschöpfung, ihre unbezahlten Überstunden, ihr depressiver Teenager nicht die gleiche politische Dringlichkeit auslösen wie ein neuer Asylantrag. Wenn Empathie selektiv wirkt, bröselt das Vertrauen in Institutionen. Und genau da wachsen Parteien, die versprechen, „unsere Leute zuerst“ zu setzen – oft in scharfer, spaltender Sprache, die in TV-Runden und Late-Night-Talkshows schnell weitergetragen wird.

Wie Regierungen den Sturm beruhigen könnten – statt ihn anzufachen

Wenn’s einen praktischen Schritt gäb, der morgen Spannungen entschärfen würd, dann den: Jede gut sichtbare Maßnahme für Migrant*innen soll mit einer ebenso sichtbaren, konkreten Maßnahme für verletzliche Einheimische gekoppelt werden. Ned versteckt in Ausschüssen oder PDFs. Sichtbar in derselben Straße, am selben schwarzen Brett, im selben Gemeinde-Newsletter.

Wenn eine Gemeinde in einem ehemaligen Hotel Wohnraum für Asylsuchende eröffnet, könnt sie gleichzeitig einen Notfall-Mietzuschussfonds für kämpfende Bewohnerinnen im selben Bezirk starten. Wenn im Spital Dolmetscherinnen für Neuankömmlinge bereitgestellt werden, dann bietet’s zusätzlich mehr Psychotherapie-Slots für einkommensarme lokale Jugendliche an. Solidarität fühlt sich nimmer wie a Nullsummenspiel an, wenn die Leute sich selbst auch darin wiederfinden.

Trotzdem tappen viele Führungskräfte in dieselbe Falle: Sie reden über Migrantinnen nur moralisch oder sicherheitspolitisch – und nie in Klassen- bzw. Verteilungsfragen. Sie predigen Empathie und übersehen dabei die leise Wut von Reinigungskräften, Zustellerinnen, Pflegekräften und Fabrikarbeiter*innen, die die Debatte aus dem Schatten verfolgen.

Wir kennen das alle: Du hörst a Politiker*in über „die normalen Leute“ reden und denkst dir: Die hat noch nie vier Wochen auf einen Hausarzttermin gewartet oder sich mit einem Energieanbieter wegen einer unerklärlichen Rechnung gestritten. Seien wir ehrlich: Kaum wer liest diese langen Strategie-Papiere über „inklusives Wachstum“ und fühlt sich plötzlich verstanden. Was zählt, ist simpel: Hat wer meine Miete gesenkt? Hat wer mein Öffi-Ticket billiger gemacht? Hat wer meinen Job geschützt? Wenn ned, dann klingen moralische Vorträge über das Willkommenheißen von Fremden schnell brutal weltfremd.

Der europäische Soziologe Ivan Krastev hat’s nüchtern formuliert: „Die Leute sind ned gegen Solidarität, sie sind gegen selektive Solidarität. Sie wollen ned gebeten werden, ihr Herz zu öffnen, während ihre Geldtasche leer ist.“

  • Politiken verknüpfen: Jeder Euro für akute Migrant*innenhilfe soll öffentlich mit einem Euro für lokale Sozialprogramme gegengezeichnet werden – und als gemeinsames Paket kommuniziert werden.
  • Klar reden: Technokratisches Kauderwelsch weglassen. In einfacher Sprache erklären, warum ein Asylzentrum aufmacht und was der lokale Nutzen dazu ist.
  • Räume teilen: Dieselben Gebäude für Migrant*innen-Services und lokale Services nutzen, damit Hilfe ned so wirkt, als wär’s hinter zwei verschiedenen Türen.
  • Fairness nachverfolgen: Einfache Charts zu Wohnungswartezeiten, Leistungszugang und Schulplätzen für Migrant*innen und Einheimische veröffentlichen – gegen Mythen und echte Ungerechtigkeiten zugleich.
  • Früh zuhören: Grätzl-Versammlungen vor Entscheidungen organisieren, ned danach – damit Bewohner*innen Dampf ablassen, fragen und sogar mitgestalten können.

Ein Kontinent, der sich fragt, wer „wir“ wirklich sind

Quer durch Europa geht’s in dieser Debatte weniger um Grenzzahlen als um Zugehörigkeit. Ein britischer Pensionist in einer kalten Wohnung in Bradford, a rumänische Krankenschwester in Wien, a in Marokko geborener Teenager in Brüssel, a ukrainische Mutter in Warschau: Jede*r hat a andere Geschichte – und trotzdem stellen alle dieselbe stille Frage: Wer wird gesehen, und wer wird leise geopfert?

Manche Regierungen spielen die Spaltung aus und wetten drauf, dass Ärger über Migrant*innen von Jahren der Unterfinanzierung öffentlicher Dienste ablenkt. Andere setzen auf inspirierende Reden über europäische Werte. Keine von beiden Strategien trifft wirklich die Kernwunde: ein weit verbreitetes Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein – weit über das Migrationsthema hinaus.

Wenn’s einen Ausweg gibt, dann beginnt er wahrscheinlich mit etwas, das in der Politik grad unmodern ist: öffentlich Grenzen und Widersprüche zuzugeben. Laut zu sagen: Ja, Ressourcen sind begrenzt. Und ja, Aufnahme und Versorgung von Migrant*innen sind manchmal schneller gegangen als Hilfe für Einheimische – und dann transparent zuzusagen, das wieder auszubalancieren, mit Zahlen, die die Leute sehen können.

Die Frage ist ned, ob Europa Menschen aufnehmen soll, die vor Krieg oder Armut fliehen. Die meisten glauben still und leise noch immer, dass es so sein soll. Die Frage ist, ob das geht, ohne den eigenen kämpfenden Bürger*innen – durch Handeln oder Unterlassen – zu zeigen, dass ihr Platz in der Warteschlange dauerhaft zweiter Klasse ist.

Kernpunkt Detail Nutzen für Leser*innen
Sichtbares Ungleichgewicht schürt Wut Neue Zentren und Services für Migrant*innen tauchen oft schneller auf als Unterstützung für einkommensarme Einheimische Hilft zu verstehen, warum Ressentiments wachsen, auch bei Menschen, die sich selbst ned als „anti“ sehen
Kommunikationslücken vertiefen Misstrauen Unterschiedliche Finanzierungsquellen und rechtliche Pflichten werden selten klar erklärt Zeigt, wie mangelnde Transparenz technische Themen in emotionale Konflikte verwandelt
Gekoppelte Maßnahmen können Spannungen senken Migrant*innenhilfe mit paralleler Unterstützung für Einheimische zu verbinden, ändert die Wahrnehmung, „wer zählt“ Bietet eine konkrete Brille, um künftige Regierungsentscheidungen zu bewerten und fairere Maßnahmen einzufordern

FAQ:

  • Stimmt’s, dass Migrant*innen mehr Hilfe kriegen als Einheimische? Oft schaut’s so aus – vor allem, wenn Notprogramme schnell für Neuankömmlinge aufgesetzt werden, während langjährige Bewohner*innen jahrelang warten. Rechtlich und finanziell sind die Systeme verschieden, aber emotional sehen viele vor allem, wer zuerst Hilfe bekommt.
  • Woher kommt das Geld für Migrant*innenunterstützung? Vieles kommt aus nationalen Asylbudgets und EU-Mitteln, die nur für Aufnahme und Integration zweckgewidmet sind. Das kann man ned einfach in Pensionen oder lokalen Wohnbau umschichten – auch wenn Wähler*innen das gern hätten.
  • Nehmen Migrant*innen wirklich Sozialwohnungen und Jobs weg? In manchen überfüllten Städten verlängert neue Nachfrage Wartelisten und verschärft Konkurrenz – besonders bei niedrig bezahlten Jobs. Gleichzeitig besetzen viele Migrant*innen Stellen, die eh schon schwer zu besetzen waren, etwa in der Pflege oder Landwirtschaft.
  • Warum helfen Regierungen ned allen gleich schnell? Asyl-Notfälle werden unter internationalem Recht und engen Fristen vorangetrieben, während Sozialreformen für Einheimische durch langsame Verhandlungen, Budgetkämpfe und Wahlen müssen. Der Geschwindigkeitsunterschied wird von vielen als unfair erlebt.
  • Was könnte das Unfairnessgefühl ändern? Klare, ehrliche Kommunikation und „Zwillingsmaßnahmen“, die sichtbar gleichzeitig Migrant*innen und kämpfende Einheimische unterstützen, würden viel bringen. Genauso wie wieder mehr Investitionen in Wohnen, Gesundheit und Schulen in den Gegenden, die sich am stärksten im Stich gelassen fühlen.

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