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Ein Psychologe meint: „Die beste Lebensphase ist jene, in der man beginnt, so zu denken.“

Person sitzt an einem Tisch mit Handy, Notizbuch und Kaffeetasse, daneben eine Pflanze.

Der Warteraum hat leicht nach Kaffee und alten Zeitschriften g’roch’n. Mir gegenüber hat a Mann um die fünfzig am Handy g’scrollt, Kiefer z’samm’biss’n, a Mail g’les’n, die offensichtlich koa guate Nachricht war. Daneben hat a Teenagerin an die Decke g’starrt. Ihre Mutter hat alle drei Sekunden mit’m Fuß g’tippt. I hab zug’schaut, wie die Psychologin die Tür aufgmacht und den Namen vom Mann aufg’ruaf’n hat. Er is aufg’stand’n, die Schultern angespannt, als würd er zu am Urteil geh’n.

Fünfundvierzig Minuten später is er wie verwandelt wieder rauskommen. Gleiche Jacke, gleiches Handy, gleiches chaotisches Leben, das draußen g’wartet hat. Und trotzdem: Im G’sicht war auf einmal so a komische Weichheit, als hätt sich irgendwo drin still was Schweres verschob’n.

Die Psychologin hat ihm mit’m Blick nachg’schaut und dann zu mir g’sagt, fast wie a Geständnis: „Die beste Phase im Leben von am Menschen is die, wo er endlich so zu denken anfängt.“

I hab sie g’fragt, was sie damit meint.

Sie hat g’lacht und g’sagt: „I erzähl Ihnen a G’schicht.“

Der versteckte Wendepunkt, der überhaupt ned spektakulär ausschaut

Vielleicht stellst dir vor, dass die „beste Phase im Leben“ wie a Feuerwerk ausschaut. A große Beförderung. Der richtige Partner. A Traumhaus mit absurd vü Tageslicht.

Jede Werbung baut auf dem Klischee auf: dass Glück ganz oben auf irgendeiner unsichtbaren Leiter explodiert. Bis dahin san ma in da Generalprobe. Das echte Leben is quasi auf Stand-by.

Die Psychologin, die i kenneng’lernt hab, sieht jeden Tag das Gegenteil.
Sie sagt: Die beste Phase fangt an, wenn Menschen aufhör’n, einem bestimmten Ergebnis hinterherzulaufen, und stattdessen a leisere, fast subversive Frage stellen: „Was is eigentlich jetzt grad in meiner Kontrolle?“

Das schaut ned glamourös aus. Das is a mini mentale Drehung. Aber genau dort sperrt sich was Tiefes auf.

Sie hat ma von am Patienten erzählt: 39, komplett g’schafft, frisch g’schieden, überzeugt davon, er hätt sein Leben „verschwendet“. Er hat ständig wiederholt: „Mit dem Alter sollt i eigentlich schon …“, wie a kaputtes Mantra: a Wohnung kauft, no a Kind, a besserer Job.

Sein Kopf is dauernd in a alternative Version seines Lebens g’wandert, wo alles nach Plan grennt is. Verglichen mit der Fantasie-Zeitlinie hat die Realität immer verloren. Bis er eines Tages mitten in der Sitzung still g’worden is.

Er hat die Psychologin ang’schaut und fast grantig g’sagt: „Also wenn i so weiterdenk, verlier i jedes einzelne Mal, oder?“

Sie hat g’nickt. Er hat si zurückglehnt und ausg’atmet. „Dann muss i wohl aufhör’n, mit am Vergangenheit zu streiten, die i eh nimmer ändern kann.“

Genau der Satz, hat sie g’sagt, war der Start von seiner besten Phase. Ka Feuerwerk. Nur a anderer Gedanke.

Warum is des so a Meilenstein? Weil unser Hirn a schlechte Angewohnheit hat: Es liebt Replay und Fast-forward.

Wir grübeln, was schiefg’gangen is, oder wir fixier’n uns drauf, was perfekt werden könnt, wenn sich das Universum endlich g’scheit aufführt. Beide Modi haben eins gemeinsam: Wir san ned dort, wo ma überhaupt a einziges Teil bewegen können - in da Gegenwart.

Aus Sicht von a Psychologin fangt die „beste Phase“ an, wenn ma aufhör’n, das Leben wie a Problem zu behandeln, das längst hätt gelöst sein soll’n. Ma wechselt von „Warum is mei Leben no ned wie X?“ zu „Wenn des heut die Realität is - was kann i damit machen?“

Das löscht den Schmerz ned aus. Es macht ihn nur zu Gelände, ned zu am Urteil.

Der Gedanke, der still alles verändert

Also was is jetzt diese berühmte Art zu denken, von der sie g’redet hat? Sie hat’s so formuliert: „Mei Leben is ned zu spät. Es is einfach meins, und i bin verantwortlich für meinen nächsten klanen Schritt.“

Klingt fast zu einfach. Genau drum übergeh’n’s die meisten jahrelang. Unsere Kultur is besessen von Meilensteinen: mit 25, 30, 40 sollt ma Kästchen abhakerln wie a menschliche To-do-Liste. Triffst des ned „rechtzeitig“, bist „hint’n“.

Die beste Phase fangt an, wenn dieses Drehbuch Risse kriegt. Wenn du in Experimenten denkst statt in Schicksal. Wenn du dir erlaubst zu sagen: „So hab i mir das ned vorg’stellt. Aber genau von da aus kann i trotzdem was auswählen.“

Des is a Wechsel von Drama zu Autorenschaft. Klein, aber mit Wucht.

Oft kommen Leute bei dem Gedanken in a Krise an. Burnout, Trennung, Kündigung, Gesundheits-Schreck. Wir kennen’s: der Moment, wo das Leben, das du grad mühsam managst, plötzlich nimmer auf deine Kommandos reagiert.

Der Mann aus’m Warteraum hat diesen neuen Rahmen in schmerzhaft gewöhnlichen Dingen angewendet.
Er hat aufg’hört, jeden Abend das Social Media von seiner Ex zu stalken, und hat stattdessen a ung’schickte Nachricht an an alten Freund g’schrieben.
Er hat ned „seine Leidenschaft g’funden“. Er hat si bei am billigen Abendkurs angemeldet, weil Dienstagabend unerträglich g’worden is.

Drei Monate später war seine Realität no immer ka Film. Geld war knapp, Co-Parenting war noch immer ein Chaos. Und trotzdem hat er zur Psychologin g’sagt: „Komischerweise fühl i mi jetzt mehr wie i selbst als damals, wo alles am Papier perfekt ausg’schaut hat.“

Außen hat si ned vü verändert. Innen hat si was in die richtige Richtung gedreht.

Psychologisch hat dieser Wechsel an Namen: von äußerer Kontrolle zu einem internen Kontrollüberzeugungsgefühl (internal locus of control). Auf gut Deutsch: Du hörst auf, so zu leben, als würd dein ganzes Schicksal davon abhängen, was andere tun, denken oder dir geben.

Der entscheidende Gedanke is ned „I kann alles.“ Des is nur Druck im Glitzergewand. Der entscheidende Gedanke is: „I kann immer irgendwas tun, und wenn’s nur ganz klan is.“

Das kann heißen: um Hilfe bitten statt so tun als wär alles okay. Eine Einladung absagen, die dich auslaugt. Den Lebenslauf updaten statt den Chef den ganzen Tag nur im Kopf zu hassen.

Seien ma ehrlich: Niemand schafft das wirklich jeden einzelnen Tag. Das echte Leben is chaotisch, und manchmal doom-scrollst halt und isst trockene Cornflakes zum Abendessen.

Aber jedes Mal, wenn du zu dem Gedanken zurückkommst - „Was is mein klaner nächster Schritt?“ - steigst wieder in die beste Phase ein.

Wie du in diese Phase einsteigen kannst, ohne auf a Krise zu warten

Die Psychologin gibt ihren Patient:innen a sehr konkretes Ritual. Sie nennt’s die „Nächste-Halbe-Stunde-Frage“.

Immer wenn du ins Grübeln kippst, bleibst kurz stehen und fragst: „So wie’s grad is: Was is eine Handlung, die i in den nächsten 30 Minuten machen kann, die freundlich zu meinem Zukunfts-Ich is?“

Das war’s. Ned „Wie reparier i mein Leben?“, sondern: „Was is eine 30-Minuten-Freundlichkeit?“

Manche duschen und ziehen tatsächlich frische G’wand an. Andere öffnen ihre Banking-App und schaun einfach nur - ohne sich zu verstecken. Eine Person hat endlich die Mail an den Vermieter g’schickt. A andere hat einen Therapie-Termin ausg’macht und is dann spazieren gangen, um runterzukommen.

Jedes Mal bringst deinem Hirn a neue G’schicht bei: Mein Leben steckt ned fest, es reagiert auf klane Bewegungen.

Wenn Leute das zum ersten Mal probier’n, tapp’n viele in die gleiche Falle: Sie nehmen sich was Riesiges vor. „In den nächsten 30 Minuten schreib i meinen Lebenslauf neu, beantworte alle Mails, fang a Trainingsroutine an und mach Meal Prep für die ganze Woche.“

Na. Des is ka Freundlichkeit, des is a Strafe mit besserem Marketing.

Die Psychologin besteht auf was anderem: Wähl a Handlung, die so klan is, dass sie fast a bissl deppert wirkt.
Schick eine Nachricht, ned zwanzig. Mach fünf Minuten Dehnen, ned a ganzes Workout. Wirf ein abgelaufenes Ding aus’m Kühlschrank weg.

Sie sagt, die widerständigsten Patient:innen san oft die, die heimlich glauben, Veränderung zählt nur, wenn’s weh tut. Genau die brauchen Micro-Aktionen am meisten.

Sei sanft zu dir, wenn du’s vergisst. Wenn du das Ritual a Woche auslässt, heißt des ned, dass du kaputt bist. Es heißt nur: Du bist menschlich.

Einmal in unserem Gespräch hat sie si vorgelehnt, als würd sie a Geheimnis verraten.

„Die beste Phase im Leben“, hat sie g’sagt, „is die, wo du aufhörst zu fragen: ‚Bin i hint’n?‘ - und anfängst zu fragen: ‚Was is ein ehrlicher Schritt von dort, wo i wirklich grad steh?‘ In dem Moment fang’n die Leut an, in ihrem echten Alter zu leben, ned in dem Fantasie-Zeitplan in ihrem Kopf.“

Dann hat sie aufgezählt, was sich meistens als Erstes verschiebt:

  • Du hörst auf, jede Entscheidung damit zu vergleichen, was deine Eltern, Freunde oder Influencer machen würden.
  • Du misst deine Tage eher an „Hab i irgendwas bewegt?“ statt an „Hab i wen beeindruckt?“
  • Du schämst dich weniger dafür, Anfänger:in zu sein - mit 20 oder mit 60.
  • Du merkst, dass Reue leiser wird, wenn du beschäftigt bist mit kleinen, aktuellen Handlungen.
  • Du checkst, dass „rechtzeitig“ a G’schicht is, die dir wer verkauft hat - und ka Naturgesetz.

Nix davon macht das Leben zu am Postkartenmotiv. Es macht’s nur wieder zu deinem.

A Phase ohne Altersgrenze

Was mi an dem Tag am meisten g’packt hat, war ned die Theorie. Es warn die G’sichter. A 22-jähriger Student und a 67-jährige Pensionistin haben exakt das gleiche Erwachen beschrieben - nur mit anderen Details.

Der Student hat g’sagt: „I bin fertig damit, so zu leben, als würd mein Leben erst anfangen, wenn i die perfekte Karriere ausg’sucht hab. I nehm jetzt einfach was G’scheits für den Anfang und lern unterwegs.“

Die Pensionistin hat g’sagt: „I hab entschieden, i bin ned ‚z’alt‘ für erste Male. I darf wieder Anfängerin sein.“

Andere Jahrzehnte. Gleicher Klick im Kopf.

Diese „beste Phase“ is wurscht, wie viele Kerzerln auf deiner letzten Torte warn. Sie fangt an an dem Tag, wo du aufhörst, vom Leben a Rückerstattung zu verlangen, und anfängst, ihm Fragen zu stellen.

Ab dann wird jeder Morgen weniger a Aufholen und mehr a Einchecken: Wo bin i grad - und was is eine Sache, die i mit dieser Wahrheit machen kann?

Manche lesen das und denken: „Netter Gedanke, aber bei mir is es anders.“ Vielleicht. Oder vielleicht is genau der Gedanke der, der dich bis jetzt auf der falschen Seite von der Tür g’halten hat.

Kernaussage Detail Nutzen für die Leser:innen
Wechsel von „zu spät“ zu „meins“ Hör auf, dein Leben mit starren Zeitplänen zu vergleichen, und sieh es als deinen eigenen Weg Reduziert Druck und Scham, schafft Raum für realistische Entscheidungen
30-Minuten-Freundlichkeit-Ritual Frag: „Welche eine Handlung kann i in den nächsten 30 Minuten für mein Zukunfts-Ich machen?“ Macht diffuse Angst zu konkreter Bewegung - auch an schweren Tagen
Internes Kontrollgefühl Fokus auf das, was du heut beeinflussen kannst, ned auf das, was andere tun oder denken Baut Handlungsmacht und stille Zuversicht über die Zeit auf

FAQ:

  • Was heißt „die beste Phase im Leben“ hier wirklich?
    Es geht ned um a bestimmtes Alter oder a Meilenstein. Es is die Zeit, in der du aufhörst, nach äußeren Zeitplänen zu leben, und in der Gegenwart aus persönlicher Verantwortung und Möglichkeit heraus handelst.
  • Kann diese Phase anfangen, auch wenn mein Leben ein Chaos is?
    Ja - oft fangt’s genau dann an. Der Wechsel hat nix damit zu tun, dass alles „geordnet“ is, sondern damit, dass du fragst: „Wenn das jetzt das Chaos is - was is ein ehrlicher Schritt, den i heut machen kann?“
  • Was, wenn i mi z’alt fühl, um meine Denkweise zu ändern?
    Das Gefühl is häufig, aber mehr G’schicht als Tatsache. Menschen machen diesen Wechsel in Therapie in ihren 50ern, 60ern, sogar 70ern. Das Hirn bleibt ein Leben lang fähig, neue Muster zu lernen.
  • Woran merk i, dass i noch im alten Mindset festhäng?
    Du bemerkst vielleicht ständiges Vergleichen, Groll über die Vergangenheit oder Gedanken wie „Mit dem Alter sollt i schon …“ in deinem inneren Dialog. Du fragst selten: „Was kann i in der nächsten Stunde tun?“
  • Is der Fokus auf klane Handlungen ned einfach „sich mit weniger zufriedengeben“?
    Überhaupt ned. Klane Handlungen san genau die Bausteine, aus denen große Veränderungen in echt entstehen. Große Pläne ohne Bewegung san Fantasie; klane Schritte, regelmäßig gemacht, formen deine Tage - und mit der Zeit dein Leben.

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