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Die Psychologie zeigt, dass die meisten Eltern Gewohnheiten vermitteln, die später zu unglücklichen Erwachsenen führen.

Vater spielt mit zwei Kindern ein Holzklötzchen-Spiel am Küchentisch, neben ihnen liegen ein Buch und ein Stundenglas.

Der Supermarkt-Wutanfall beginnt im dritten Gang.
Ein kleiner Bub will die bunten Frühstücksflocken mit dem Zeichentrickdrachen, die Mama zischt zwischen zusammengebissenen Zähnen „na“, und man sieht’s: Scham, Ärger und Erschöpfung bauen sich bei beiden auf. Zehn Minuten später zerrt sie ihn zum Auto und faucht: „Hör auf zum Weinen, die Leut schauen schon. Große Buben machen sowas ned.“
An der Oberfläche ist’s nur ein weiterer chaotischer Elternmoment. Darunter würd die Psychologie es anders nennen: eine Lektion über Gefühle, Wert und Liebe, die dieses Kind jahrzehntelang mittragt.
Er wird sich ned an die Flocken erinnern. Er wird sich erinnern, dass Weinen gefährlich ist.
Und so werden unglückliche Erwachsene still und leise gemacht.

Die subtilen Erziehungsgewohnheiten, die die emotionale Gesundheit leise zermürben

Die meisten Eltern wachen ned auf und denken sich: „Wie kann i ein ängstliches, innerlich abgekoppeltes Erwachsenenleben großziehen?“
Sie tun ihr Bestes mit den Werkzeugen, die sie bekommen haben, und wiederholen Muster, die früher als Hausverstand gegolten haben. Trotzdem zeigt die Forschung in der Entwicklungspsychologie immer wieder dieselbe überraschende Wahrheit: Kleine, tägliche Gewohnheiten daheim prägen die innere Stimme eines Kindes mehr als Schule, Freund*innen oder Social Media.
Ned die großen Reden, ned die Feiertagsrituale.
Die Nebenbemerkungen beim Frühstück. Die Seufzer. Das Augenrollen. Das Schweigen.

Nehmen wir zum Beispiel das Abtun von Gefühlen – einer der stärksten Vorhersagefaktoren für Unzufriedenheit im Erwachsenenalter.
Eine Studie aus 2023 in der Fachzeitschrift Emotion hat gezeigt, dass Kinder, deren Gefühle regelmäßig kleingeredet wurden („Du übertreibst“, „Hör auf so dramatisch zu sein“), deutlich häufiger Depressionen und Beziehungsprobleme in ihren Zwanzigern erleben. Das klingt ned dramatisch, wenn man zu spät in die Arbeit kommt und das Kind wegen dem blauen Becher ausrastet und ned dem roten.
Und trotzdem: Jedes „Das is eh nix, hör auf zum Weinen“ kratzt ein Stückerl an der Fähigkeit deines Kindes, seiner eigenen Innenwelt zu vertrauen.
Spul zwanzig Jahre vor und du hast den Erwachsenen, der nimmer sagen kann, was er braucht – nur dass „irgendwie alles falsch“ is.

Psycholog*innen nennen das „emotionale Invalidierung“.
Im Alltag schaut’s einfach so aus, dass ein Kind lernt: Seine Gefühle sind ein Problem, das man abstellen muss – keine Signale, die man verstehen soll. Wenn Emotionen zu Feinden werden, wachsen Menschen entweder damit auf, sie runterzuschlucken, oder ohne Vorwarnung zu explodieren. Keiner von beiden Wegen führt zu einem ruhigen Leben.
Glück im Erwachsenenalter hängt stark mit emotionaler Kompetenz zusammen: wahrnehmen, was man fühlt, es benennen, und ohne Scham darauf reagieren.
Eltern sabotieren das ned absichtlich. Sie machen halt, was mit ihnen gemacht worden ist – und verwechseln Härte mit Widerstandskraft, Schweigen mit Stärke, Gehorsam mit Liebe.

Der versteckte Lehrplan daheim: Was Kinder wirklich von uns lernen

Eine der stärksten Veränderungen, die Eltern machen können, klingt lächerlich simpel: Erzähl deine eigene Innenwelt laut.
Ned mit Vorträgen, sondern mit kleinen, ehrlichen Sätzen. „I bin heut müd und a bissl grantig, i könnt also schärfer reden. Du bist ned schuld.“ Oder: „I bin nervös wegen dem Arbeitscall, i nehm jetzt drei tiefe Atemzüge.“ So ein Vorbild gibt Kindern eine Blaupause dafür, wie sie mit ihren eigenen Hochs und Tiefs umgehen können.
Du ziehst ned nur ein Kind groß.
Du bringst einem zukünftigen Erwachsenen bei, wie er mit sich selber redet, wenn keiner zuschaut.

Denk an ein neunjähriges Madl, das ich bei einem Schulworkshop kennengelernt hab.
Sie hat lauter Einser g’habt, Klavier g’spielt, ist wettkampfmäßig g’schwommen. Ihre Eltern haben stolz gesagt: „Wir wollen nur, dass du dein Bestes gibst“, und dann täglich die Noten kontrolliert und geseufzt, wenn sie eine 92 statt 100 heimgebracht hat. Am Anfang hat sie geweint, wenn sie die unsichtbare Latte ned geschafft hat. Dann hat sie aufgehört zu weinen. Dann hat sie aufgehört, Neues auszuprobieren.
Mit 13 war sie schon ausgebrannt und hat sich selber als „faul“ und „ned genug“ beschrieben, weil sie nimmer jedes Ziel getroffen hat.
Perfektionismus hat sie ned glücklich gemacht. Er hat ihr Angst vor sich selber gemacht.

Das ist die stille Gewohnheit hinter so vielen unglücklichen Erwachsenen: Liebe an Leistung zu knüpfen.
Wenn Zuneigung oder Ruhe erst nach einer guten Note, einem Ziel oder „bravem“ Verhalten kommt, lernen Kinder, dass ihr Wert außerhalb von ihnen liegt. Das Erwachsenenleben wird dann zu einem endlosen Versuch, Wert zu beweisen – durch Beförderungen, Likes oder Produktivitätsserien. Innen bewegt sich die Gefühlsnadel kaum.
Die Psychologie nennt das „bedingte Wertschätzung“ (conditional regard). Es wirkt harmlos, sogar motivierend, wenn Eltern sagen: „Mit dem Pokal hast uns echt stolz gemacht.“
Aber der unausgesprochene Teil hallt im Erwachsenenalter nach: „Ohne den Pokal – wer bist dann?“

Den Kreislauf durchbrechen: Praktische Wege, um emotional stabile Erwachsene großzuziehen

Eine unglaublich bodenständige Gewohnheit kann viel verändern: Trenn das Kind vom Verhalten – laut, jedes Mal.
„Du hast g’logen. Das geht ned. Du bist trotzdem a gutes Kind, und wir richten das gemeinsam.“ Kurz, klar, fast langweilig in seiner Wiederholung. Mit der Zeit sagt das dem Kind: Du kannst Mist bauen und trotzdem dazugehören. Dieses sichere Dazugehören ist in Langzeitstudien – wie der berühmten Harvard Study of Adult Development – ein zentraler Faktor für späteres Lebensglück.
Disziplin bleibt. Scham geht.
Du ziehst kan Roboter ohne Fehler groß. Du ziehst einen Menschen groß, der reparieren kann.

Viele Eltern tappen in zwei häufige Fallen: Entweder sie bagatellisieren alles („Is eh nix, hör auf zum Herumtun“) oder sie dramatisieren alles („Du machst das immer, du lernst’s nie“). Beides lässt ein Kind sich grundsätzlich kaputt fühlen.
Ein hilfreicher Mittelweg klingt eher so: „Das is grad schwer für dich, und i glaub, du schaffst das.“ Einfache Worte, ruhiger Ton, keine große Predigt. Wir kennen’s alle – den Moment, wo man lieber schreien würd als atmen.
Und ehrlich: Niemand schafft das jeden einzelnen Tag.
Was wirklich was verändert, ist sich ab und zu dabei zu erwischen und zu reparieren: „I hab vorher g’schrian. Das war ned fair. I arbeit dran.“

Als der Psychologe John Gottman Eltern untersucht hat, die „Emotion Coaching“ machen, hat er herausgefunden: Kinder, deren Gefühle angehört wurden – ned nachgegeben, einfach angehört – entwickelten bessere soziale Fähigkeiten, stärkere Freundschaften und weniger Verhaltensprobleme in der Pubertät. Sein Fazit war klar: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sie brauchen eingestimmte.

  • Pause, bevor du reagierst
    Drei langsame Atemzüge, Füße am Boden, Blick weg vom Handy. Dein Nervensystem beruhigt ihres.

  • Benenn das Gefühl, ned das Kind
    „Schaut so aus, als wärst du enttäuscht“ landet ganz anders als „Du bist lächerlich“.

  • Gib eine Mini-Auswahl
    „Magst a Umarmung oder brauchst a bissl Abstand?“ Wahlmöglichkeiten bauen Selbstwirksamkeit auf – und daraus wird später Selbstvertrauen.

  • Reparier laut
    „I hab vorher ned gscheit zuag’hört. I will’s nochmal probieren.“ Das zeigt: Konflikt is ned das Ende, sondern a Brücke.

Von unbewussten Gewohnheiten zu bewusster Elternschaft

Die meisten Gewohnheiten, die unglückliche Erwachsene machen, schauen auf Instagram ned toxisch aus.
Sie schauen normal aus: ein sensibles Kind aufziehen, ein bissl hänseln; Witze übers Gewicht; Geschwister vergleichen; Ergebnisse loben, ohne die Anstrengung zu sehen; Tränen abdrehen, weil man zu spät ist; am Handy hängen, während man sagt, man hört zu. Nix davon macht wen zu schlechten Eltern. Es zeigt nur, wie leicht man dieselben emotionalen Drehbücher weitergibt, die man früher selber geschluckt hat.
Der echte Wendepunkt kommt, wenn du in deinen Worten zu deinen Kindern plötzlich deine eigene Kindheit hörst – und dich einmal entscheidest, eine Zeile umzuschreiben.
Ned mit einer großen Geste, sondern mit einem anderen Satz vorm Einschlafen, oder mit einem extra Moment Zuhören, wenn dein Hirn eigentlich scrollen will.

Glücklichere Erwachsene kommen oft aus Häusern, wo Gefühle sein durften, Fehler überlebbar waren und Liebe ned von einem Zeugnis oder einer makellosen Haltung abhing. Das ist kein Märchenstandard, das ist eine Richtung. Du kannst dich in jedem Alter dorthin bewegen – auch wenn deine Kinder schon Teenager sind, auch wenn sie schon erwachsen sind.
Eine Botschaft so simpel wie: „I hab früher glaubt, i muss hart zu dir sein, damit i di schütz. I lern grad, dass es a anders gangen wär“ kann jahrelange Spannung weicher machen.
Die Psychologie verspricht ned, dass sanfte, emotional wache Erziehung jedes zukünftige Leid verhindert. So funktioniert das Leben ned.
Aber sie zeigt – immer wieder –, dass Kinder, die sich gesehen fühlen, bessere Chancen haben, zu Erwachsenen zu werden, die mit sich selber leben können.

Vielleicht ist die echte Frage ned: „Wie vermeid i, dass i mein Kind ruinier?“ sondern: „Welche innere Stimme helf i ihm aufzubauen?“
Die Stimme, die sagt „Du Depp, schon wieder“, oder die, die flüstert „Du hast an Fehler gemacht, und du bist trotzdem wert, dass du da bist“? Diese Stimme ist da, lang nachdem du nimma Hausübung kontrollierst oder Jausen einpackst. Sie lenkt Entscheidungen in Liebe, Arbeit und Freundschaft.
Wenn der Gedanke ein bissl sticht, ist das ein Zeichen, dass da was Lebendiges in dir ist – ned, dass in dir was kaputt ist.
Du darfst anders erziehen, als du aufgezogen worden bist – ein ung’schicktes, ehrliches Gespräch nach dem anderen.

Kernaussage Detail Nutzen für die Leser*innen
Emotionale Invalidierung schadet dem späteren Glück Regelmäßiges Abtun wie „Hör auf zum Weinen“ bringt Kindern bei, ihren Gefühlen zu misstrauen Hilft Eltern, schnelle Abwürg-Sätze durch einfache, bestätigende Formulierungen zu ersetzen
Bedingte Liebe macht Erwachsene fragil Wert an Noten oder Verhalten zu koppeln fördert Perfektionismus und Burnout Ermutigt, Lob auf Anstrengung, Charakter und Dasein zu richten
Reparatur ist mächtiger als Perfektion Sich entschuldigen und Kind vom Verhalten trennen stärkt sichere Bindung Gibt Eltern einen realistischen, schuldreduzierenden Weg, den Kurs zu ändern

FAQ:

  • Frage 1 Was ist, wenn ich diese Fehler schon jahrelang gemacht hab?
  • Antwort 1 Fang dort an, wo du grad bist. Sag’s laut: „I hab deine Gefühle oft abgetan, i will’s besser machen.“ Reparatur und Demut wirken stark heilend – auch bei älteren Kindern.
  • Frage 2 Ist Gefühle validieren ned dasselbe wie Kinder komplett machen lassen?
  • Antwort 2 Nein. Du kannst klare Grenzen setzen und trotzdem Gefühle anerkennen: „Du bist haas, weil wir vom Spielplatz gehen. Versteh i. Wir gehen trotzdem.“ Grenzen und Empathie können nebeneinander existieren.
  • Frage 3 Meine Eltern waren hart und i bin „eh gut rauskommen“. Soll i wirklich was ändern?
  • Antwort 3 „Eh gut“ versteckt oft Angst, Taubheit oder People-Pleasing. Du kannst die Stärke behalten, die sie dir gegeben haben, und die Scham weglassen, die sie mitgetragen haben – und für deine Kinder eine leichtere Version wählen.
  • Frage 4 Was sag i statt „Hör auf zum Weinen“?
  • Antwort 4 Probier: „Du bist grad ur fertig. I bin da.“ Wenn die Welle vorbei is, könnt ihr drüber reden, was passiert is und was ihr das nächste Mal machen könnt.
  • Frage 5 Wie änder i meine Reaktionen, wenn i komplett erledigt bin?
  • Antwort 5 Such dir eine kleine Gewohnheit aus: drei Atemzüge Pause oder 30 Sekunden kurz aus dem Raum gehen. Und dann konzentrier dich aufs Reparieren, wenn du doch auszuckst. Kleine Verschiebungen, wiederholt, formen das Muster um.

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